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MeinBezirk: Von der Idee zum Toolkit

Wie aus einer persönlichen Frustration ein offenes Toolkit für kommunale Transparenz wurde

Vor ein paar Tagen war ich zu Besuch in einer Kita. Die Leiterin erwähnte nebenher, dass tägliches Zähneputzen jetzt in allen Berliner Kitas Pflicht ist. Seit dem 24. Dezember 2025.

Ich bin Vater. Mein Kind geht in eine Kita. Ich hatte keine Ahnung.

Am selben Abend setzte ich mich hin und baute etwas. 90 Minuten später stand ein Konzept namens MeinBezirk. Ich postete es an einem Freitagabend auf LinkedIn. Ich hatte nicht erwartet, dass sich Menschen am Wochenende für Open-Source-Bürgerinitiativen begeistern. Ich lag falsch.


Die Frustration

Wie viele Entscheidungen werden jeden Monat im Bezirk, im Senat getroffen, die meinen Alltag direkt betreffen—und ich erfahre nichts davon?

Die Informationen sind technisch öffentlich. BVV-Protokolle existieren. Pressemitteilungen existieren. Aber niemand liest sie. Sie sind in Systemen vergraben, die für die Verwaltung gebaut wurden, nicht für Bürger. In Amtsdeutsch geschrieben, nach Ausschüssen sortiert, als PDF veröffentlicht.

Die Lücke ist nicht Zugang. Die Lücke ist Relevanz und Verständlichkeit.

Der Prototyp

Screenshot des MeinBezirk-Prototyps: Ein Feed mit kommunalen Entscheidungen, gefiltert nach Lebenslage, Ort und Anlass
Der MeinBezirk-Prototyp für Tempelhof-Schöneberg

MeinBezirk ist ein Feed mit Entscheidungen auf Bezirksebene, gefiltert nach dem, was einen tatsächlich betrifft. Bist du Elternteil? Mieter:in? Wohnst du in Schöneberg oder Mariendorf? Basierend auf echten Entscheidungen: der Schulneubau an der Eisenacher Straße, der Radweg in der Schöneberger Straße, die zwei neuen Spielplätze in der Neuen Mitte Tempelhof.

Wichtig: Ich habe keine Daten verwendet, die nicht bereits öffentlich zugänglich sind. Die Quellen sind PARDOK (Parlamentsdokumentation des Abgeordnetenhauses) und ALLRIS (Ratsinformationssystem der Bezirke). Aber genau das ist der Punkt: Die Informationen existieren. Sie erreichen nur die Menschen nicht, für die sie gedacht sind.

Die Reaktion

LinkedIn-Post mit über 147 Likes und 27 Kommentaren
Der LinkedIn-Post, 16 Stunden später

Keine 24 Stunden später: über 147 Likes und 27 Kommentare. An einem Wochenende. Für ein Open-Source-Projekt über kommunale Transparenz. Die meisten mit dem gleichen Wunsch: das in der eigenen Kommune umzusetzen.

Aus Hamburg. Aus Köln. Aus München. Aus kleineren Städten. Von Leuten, die in Verwaltungen arbeiten. Von Leuten, die in Bürgerinitiativen aktiv sind. Von Entwickler:innen, die sofort anfangen wollten.

Das war der Moment, in dem sich die Frage änderte. Nicht mehr: „Wie kann ich diesen Prototyp verbessern?“ Sondern: „Wie kann ich anderen ermöglichen, dasselbe für ihre Stadt zu tun?“

Machbarkeitsunterschied, nicht Geschwindigkeitsunterschied

Vor einem Jahr hätte MeinBezirk ein Team gebraucht, ein Budget, Monate. Nicht weil die Idee kompliziert ist. Sondern weil die Arbeit es war: hunderte Verwaltungsdokumente durchgehen, Relevanz filtern, Amtsdeutsch übersetzen, ein Interface bauen.

KI hat das nicht schneller gemacht. KI hat es möglich gemacht. Für eine einzelne Person. An einem Abend.

Das ist der Unterschied, der zählt. Nicht Geschwindigkeit. Machbarkeit.

Und wenn ich das in 90 Minuten bauen kann, kann ein Bezirksamt das Echte bauen. Oder bauen lassen.

Vom Prototyp zur Blaupause

Screenshot des MeinBezirk GitHub-Repos: Toolkit-Struktur mit fünf Phasen, Quellen und Contribution Guide
Das Open-Source-Toolkit auf GitHub

Der Code allein hilft niemandem in Köln. Die Datenquellen sind andere. Die Bezirksstruktur ist anders. Die relevanten Themen sind andere.

Was übertragbar ist, ist nicht der Code. Es ist die Methodik:

  1. Verstehen—warum kommunale Transparenz scheitert und wo die Lücke liegt
  2. Daten finden—wo die Entscheidungsdaten in deiner Stadt liegen und wie du sie findest
  3. Relevanz gestalten—wie du Informationen nach dem Leben der Bürger ordnest, nicht nach dem Organigramm der Verwaltung
  4. Umsetzen—Gestaltungsprinzipien und technische Leitlinien
  5. Betreiben—wer das betreibt, wie, und wie man die Kommune überzeugt

Diese fünf Phasen sind jetzt als Open-Source-Toolkit auf GitHub veröffentlicht.

Was drin ist

Das Toolkit enthält eine Fallstudie aus Berlin—wie der Prototyp seine Daten gefunden hat, welche Systeme es gibt (PARDOK, ALLRIS), was funktioniert hat und was schwieriger war.

Es enthält ein Muster für andere Städte—eine Übersicht der deutschen Datenlandschaft (SD.net, Session, OParl), eine Checkliste für die Datenrecherche, und Hinweise auf Werkzeuge wie Politik bei uns und OParl.

Es enthält Gestaltungsprinzipien, adaptiert vom UK Government Digital Service: Mach die harte Arbeit, damit es einfach wird. Das ist für alle. Fang mit Nutzer:innen-Bedürfnissen an.

Und es enthält den Teil, der gerne übersprungen wird: Betrieb. Wer pflegt das? Wie überzeugt man die Kommune? Was kostet es wirklich? (Nicht Geld. Aufmerksamkeit.)

Was es nicht ist

Kein fertiges Produkt. Kein Framework zum Installieren. Keine vollständige Taxonomie aller möglichen Filterachsen. Die drei Dimensionen des Berliner Prototyps—Lebenslage, Ort, Anlass—sind ein Beispiel. Nicht die Lösung.

Das Toolkit beschreibt eine Methode. Was dabei herauskommt, hängt von der Stadt ab, den Menschen, den Daten. Das ist Absicht.

Auf den Schultern anderer

MeinBezirk existiert nicht im Vakuum. Viele Akteure im Open-Data-Feld haben die Vorarbeit geleistet, die es überhaupt möglich macht, dass kommunale Daten heute so verfügbar sind. OParl, Politik bei uns, Code for Germany, die Open Knowledge Foundation—ohne sie gäbe es nichts anzuzapfen.

Aber vieles davon ist noch sehr bürokratisch. Sprachlich und ästhetisch nicht zugänglich für die Menschen, die es betrifft. Die Daten sind offen. Die Schwelle ist trotzdem zu hoch.

Mein Ziel ist es, diese Schwelle abzusenken. Erkennbar zu machen, dass vieles gemacht wird, von dem wir alle nicht genug mitbekommen. Politik passiert. Sie erreicht nur zu selten die Menschen, für die sie gedacht ist.

Das hier ist auch eine Provokation. Nicht gegen die, die die Vorarbeit leisten. Sondern für die Frage: Wenn die Daten da sind—warum sieht das Ergebnis nicht längst so aus?

Was als Nächstes passiert

Das Toolkit ist offen. Der Prototyp ist live. Der Code und die Methodik sind auf GitHub.

Wenn du in einer Stadt lebst und denkst: „Das brauchen wir auch“—dann ist das Toolkit für dich. Fork es. Adaptiere es. Bring es zu deiner Verwaltung.

Und wenn du in einer Verwaltung arbeitest und denkst: „Das könnten wir“—ja. Könnt ihr. Der Aufwand ist überschaubar. Der Effekt nicht.

MeinBezirk ist nicht die einzige Antwort. Und selbst diese kann verbessert werden. Genau dafür ist es Open Source.

Die Informationen existieren bereits. Sie müssen nur die Menschen erreichen, für die sie gedacht sind.